Paradigmenwechsel bei Tinder?

Hach ja, Tinder! I’m back, bitches. Sehen wir doch mal, was sich hier so getan hat.

Ehm, Entschuldigung? Was ist bitte aus Tinder geworden? Dem guten alten Tinder, wo einfach nur Leute angemeldet sind, die ein bisschen Abwechslung für untenrum suchen? In den tiefgründigen, psychologisch wertvollen Beschreibungen über die eigene Person, lese ich nur noch bei jedem Zweiten: Keine ONS! (Wahlweise auch auf krassem Englisch: „NO ONS!“ – wir sind ja super international!) Und immer öfter höre ich, wenn ich die super süßen – can’t live without each other- Pärchen frage, wo sie sich denn kennengelernt haben: “Hihi, bei Tinder”. Hallo? Was ist denn da los? Das war mal eine Applikation, um schnell, unkompliziert und ohne das lästige an der Bar rumstehen und angestrengt hot und sexy auszusehen, jemanden in sein Bett zu kriegen. Nö. Ist jetzt anders, jetzt sucht man da wohl nur noch die große Liebe, um dann anschließend die Sonntage gemeinsam in Hochseilgärten zu verbringen (“So eine intensive Erfahrung”).

Nee, ich will nicht. Ich will die Liebe meines Lebens nicht über die App kennenlernen, die einfach nur das technologisierte Spiegelbild des Zeitgeistes geworden ist. Ich weiss, dass haben schon hundert Leute vor mir geschrieben, ich denke aber, dass einfach eine Menge Wahrheit darin steckt. Tinder ist so, wie die Leute heute lieben. Es wird von links nach rechts gewischt, und sobald etwas nicht passt (“Juuu, die Schuhe gehen GAR NICHT”), wird halt nach jemandem mit schöneren Schuhen gesucht – tipp, tipp, tipp – nice Treter, und sogar Arzt, eigentlich cooler als Projektkoordinator, den nehm ich. Heute wird nicht mehr gesagt, dass die Schuhe halt echt gar nicht gehen, aber man nichts lieber sieht als das schiefe Grinsen mit dem einen krummen Zahn der Person, wenn sie diese Hässlon-Schuhe morgens abgehetzt überzieht. Versteht ihr, worauf ich hinaus will? Fehler sind nicht mehr kleine, liebenswerte Dinge, die eine Person ausmachen. Fehler sind Angriffsflächen, die in schlechten Momenten als Trigger fungieren, um sich mal kurz links und rechts nach etwas vermeidlich besseren umzusehen.

Und kann ich mich davon freisprechen? Jein. Wenn ich so bei einem Glas Wein (mega sophisticated) auf der Couch liege und mich durch den Tinderdschungel von Thailandreisen-Bildern mit Geparden, Bildern auf irgendwelchen komischen Bergen und Gym-Selfies kämpfe, erwische ich mich selber auch dabei, wie der kleine Teufel auf meiner Schulter sitzt und sagt: „Ih, guck mal, die Jack Wolfskin Jacke…“ Ciao Kakao. Es vergehen allerdings auch keine drei Sekunden, bis mir bewusst wird, dass ich ein oberflächlicher Misthaufen bin und die Person die Jacke vielleicht auch selber scheiße findet. Geschenk von Omma. Keine Ahnung. Vielleicht liebt die Person diese Jacke aber auch abgöttisch und das tut ihren Persönlichkeitsstärken gar keinen Abbruch. Keine Ahnung, ich werd’s nie erfahren, denn ich bin schon zehn Tinderfratzen weiter.

Fluch und Segen unserer Generation. Natürlich war es noch nie so einfach, jemanden kennenzulernen. Trotzdem sehe ich Tinder mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Vielleicht liegt es auch gerade einfach nur an der besinnlichen Vorweihnachtszeit, in der selbst der lokale Radiosender uns auffordert, uns “Liebe zu schenken”. Vielleicht sind deshalb alle kleinen Tinder Gangster gerade in der NO ONS-Phase und möchten lieber heiraten und nervige kleine Fynn’s und Helge’s in die Welt setzen. Im Frühling holen dann hoffentlich wieder alle ihre Ray Ban’s raus und schreiben: “Suche hier bestimmt nicht die Liebe meines Lebens, NO OFFENSE” (bei Tinder können wirklich alle super cooles Englisch, Ladies!).

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