Der letzte Akt.

Ich fahre mit meinen Fingern auf deiner Brust auf und ab. Scanne jedes kleine Detail, jedes Haar, jedes Muttermal. Ich schließe die Augen. Die Zeit fühlt sich unendlich an. Dieser Moment, genau jetzt, der soll für immer bleiben. Haltet die Zeit an. Ich brauch sie nicht mehr. Ich brauche nichts anderes als genau das hier. Jede Erhebung, jede Vertiefung scanne ich mit meinen Fingern ab. Ich bin so darin vertieft und konzentriert – dass du wach bist habe ich gar nicht bemerkt.

Ich wende meinen Blick von der Landschaft deiner Brust ab und schaue hoch zu dir. Du starrst zum Fenster, dein Blick verloren. Du siehst so traurig aus. Ich fange an zu begreifen. Begreife, was heute ,was gleich passiert. Was in deinem Kopf vor sich geht, ich will es so sehr wissen. Jetzt gerade, in diesem Moment, was geht in Dir vor? Bist du wirklich traurig? Ist dir auch gerade so sehr bewusst, was gleich passiert? Ich will es dich fragen. Mein Mund öffnet sich aber nicht, meine Lippen bleiben still. Ich kann es dich nicht fragen. Der Moment ist für Worte zu kostbar. Und eigentlich kenne ich die Antwort auch. Deine Gesichtszüge sind für mich ein offenes Buch. Ich spüre, was in dir vorgeht. Ich drehe meinen Blick ab und fahre weiter mit dem Finger über deine Brust. Du ziehst mich noch enger an dich heran. Mein Kopf liegt auf deiner Brust und ich höre dein Herz schlagen. Bumm Bumm Bumm, der vergessene alte Lieblingssong.

Spulen wir zurück, circa 10 Stunden. Es klingelt. Als du hoch kommst und sich unsere Blicke treffen, muss ich lächeln. Wir umarmen uns. Anders als früher, länger, intensiver. Wir wissen beide, dass dies unser letztes Mal ist und es scheint, es ist dir genauso bewusst wie mir. Und nun beginnt die finale Show, die letzte Aufführung. Die letzte Aufführung eines Stücks, das so mitreißend war, das mich die letzten zwei Jahre in Atem gehalten hat. Wir hatten immer gute Shows. Richtig gepatzt haben wir nie. Wenn wir auf der Bühne standen, entwickelte sich immer eine Eigendynamik, ganz egal, was zwischen den Aufführungen war. Es mag sein, dass wir manchmal Schwierigkeiten hatten, auf die Bühne zu treten, aber wenn wir einmal dort standen, war es atemberaubend. Immer.

Und heute die letzte Show. Letzte Shows sind immer besonders, man beginnt zu realisieren, was man eigentlich hatte, und was man bald nicht mehr hat. Man beginnt jede Requisite, jedes Kostüm noch einmal mit ganz anderen Augen zu sehen, Details, die irgendwann verloren gingen, treten wieder in den Vordergrund. Man beginnt zu verstehen. Zu verstehen, dass man alles viel mehr zu schätzen wissen hätte sollen, als die Uhr noch nicht so erbarmungslos getickt hat.

Ich spule zurück – ein Jahr. Das Bühnenbild sah noch anders aus. Wir waren schon die selben, unser Lächeln war genauso echt wie heute. Doch das ticken der Uhr war noch viel leiser. Wir hatten beide so viel Mut, so viele Erwartungen, waren so neugierig, wohin unser gemeinsames Stück wohl hingeht – Stadttheater, Broadway oder wird es direkt aus dem Programm genommen? All‘ das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, waren aber dennoch so voller Hoffnung.

Wieder vorgespult. Wir kochen und sind von den ganzen Proben und Aufführungen so eingespielt. Ich weiss, wie du die Gurken schneidest, du weisst, wie die Tomaten mir am besten gefallen. Alles läuft von selbst und ich vergesse, dass wir zum letzten Mal hier stehen. Es ist wundervoll. Als wir vollgegessen auf der Couch sitzen, mit unseren Drinks, wie so oft zuvor, musst du lachen, weil ich meinen Strohhalm so zerkaut habe, dass er nicht mehr funktioniert. Ich nehme einfach deinen. Du findest das gut. Wir sprechen über die Zukunft, als wenn sie uns nichts angeht. Das tut sie heute auch nicht. Wir sprechen oberflächlich über Dinge, die unser Ende in Stein meißeln, als würden wir die Konsequenzen nicht kennen.

Roland Kaiser. Tanzend über den Wohnzimmerboden. Hier, jetzt, Ewigkeit. Das ist Glück. Das ist einer der wenigen Momente, in dem nichts besser sein könnte. Nirgendwo anders. Mit keinem anderen. Niemals. Deine Augen sind so blau. Ich starre dich immer wieder an, du bist so schön. Von Innen und von Außen. Ich kann einfach nicht erklären, meine Worte reichen nicht, um dem Gefühl nahe zu kommen, dass ich habe, wenn du neben mir bist. Abwechselnd hören wir die Lieder, die davon erzählen, was wir uns nie getraut haben. Es ist so offensichtlich, dass ich dich einmal Fragen muss, ob dieses Lied gerade dein Ernst sei, weil der Text so offensichtlich passt. Du wirkst etwas ertappt, lässt das Lied laufen. Und du kommst mir immer näher. Und wir küssen uns, und es ist so lächerlich perfekt.

Wieder im Hier und Jetzt. Ich weiss nicht, wie viel Uhr es ist, und es ist mir auch egal. Ich möchte es nicht wissen, ich möchte keine Realität. Ich gebe dir einen Kuss auf mein Lieblingsmuttermal und du rollst dich über mich. Ich erinnere mich genau, als du dass das erste Mal getan hast. Es war immer schön. Vor zwei Jahren, vor einem Jahr, und heute. Du sagst, du freust dich auf das Frühstück. Ich mich nicht. Aber weil wir eingespielt sind, steht auch das wie von Zauberhand wenige Minuten später auf dem Tisch. Als du kurz aus der Tür bist, mit dem Hund, beim Bäcker, wie so viele Male vorher, merke ich, als ich das Rührei aus der Pfanne hebe, wie sich langsam die unsichtbare Hand um meinen Hals legt, mir der Atem wegbleibt. Aber nein, es ist noch nicht die Zeit, ich kann die Hand noch wegschieben, mit aller Kraft. Die Show mag in den letzten Zügen sein, aber wir sind noch on Stage. Als du aufstehst, um den Ketchup zu holen, muss ich lächeln. Und dann sitzen wir da, faseln, und irgendwann faseln wir nicht mehr und die Leichtigkeit verschwindet immer weiter. Wir wissen, was gleich kommt. So viele Verabschiedungen, die so viel leichter gefallen sind, weil wir wussten, dass in kurzer Zeit wieder ein Hallo folgt. Doch heute nicht. Das ist heute anders, das wissen wir, das war der Plan. Ich versuche mich dennoch zusammenzureißen, keine Sekunde unserer letzten Minuten will ich mit Realität verschwenden. Als du dir die Schuhe anziehst, fällt es mir sehr schwer.

Zurückspulen. Zwei Jahre. Ich habe keine Lust auf das x-te langweilige Blind Date, habe mich aber doch breitschlagen lassen. Ich gehe die Treppe runter und ahne nicht, dass sich in ein paar Sekunden alles verändern wird. Als ich auf die Haltstelle zu gehe, sehe ich dich, immer klarer. Als ich an der Ampel warte, um auf deine Straßenseite zu kommen, lächelst du. Und dann warst du da. Immer.

Das war gut, sage ich. Ja, sagst du. Wir umarmen uns wie immer. Dann erinnern wir uns, umarmen viel fester. Länger. Küssen uns. Immer wieder. Bis langsam die Scheinwerfer schwächer werden und wir wissen, dass wir nun von der Bühne müssen. Dein letzter Blick brennt sich in mein Gedächtnis. Schon heute weiss ich, dass ich diesen Blick niemals vergessen werde. Die üblichen Floskeln wie, ich meld mich später oder bis Mittwoch oder ich sag dir wegen den Karten Bescheid fallen weg. Es gibt nichts mehr. Der letzte Akt. Der Vorhang fällt. Applaus, Applaus.

Applaus für dich. Wirklich. Und von Herzen. Weil du der Mensch bist, der du bist. Weil du mich seit dem ersten Tag fasziniert hast, weil du mir gezeigt hast, wie sehr man einen anderen Mensch lieben kann, ohne irgendetwas dafür zu erwarten. Applaus für die tausend Male, wo du mich so zum Lachen gebracht hast, dass mein Bauch wehgetan hat. Applaus für die atemberaubenden Momente, die durch dich so unvergesslich wurden. Applaus, dass du da warst. Für die Tränen, die du verursacht hast, für die schwierigen Situationen, in denen ich wachsen konnte. Für die Vorfreude, die mich tagelang vor unseren Wiedersehen erfüllt hat, für Gespräche, die mir so viel gegeben haben. Für deine Haare, die ich so sehr jetzt gerade anfassen will. Applaus für dich, du bist großartig.

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