Stille Tage

Es gibt Tage, an denen habe ich, wenn ich mich abends ins Bett lege, mit niemandem gesprochen. Tage, an denen ich den Klang meiner eigenen Stimmt nicht ein einiges Mal vernommen habe. Und dieses Wunderwerk habe ich sogar vollbracht, obwohl ich den Tag nicht ausschließlich alleine im Bett verbracht habe. Ich war am Morgen im Fitnessstudio – hier vermeide ich Kommunikation gerne mit einem Verweis auf die nicht zu übersehenden, absichtlich sehr groß gewählten, Kopfhörern auf meinen Ohren. Danach war im im Supermarkt – hier ist es eine der leichtesten Disziplinen, den Kassiervorgang mit einem lautlosen Kopfnicken zur Begrüßung und einem freundlich bemühten zusammenpressen der Lippen ohne das Ertönen lassen meiner Stimme, zu meistern. Dann habe ich meine Wohnung geputzt, etwas gekocht und ferngesehen. Und so wird dann also ein stiller Tag hinter mir gelassen.

Im ersten Moment mögen diese Tage traurig oder wenigstens leicht melancholisch anmuten.

Keine Kommunikation, kein Miteinander. Alleine. Einsam?

Nein. Denn diese Tage bieten eine einzigartige Chance, die Chance, die an Tagen, an denen wir es nicht schaffen, stumm zu bleiben, oft vernachlässigt wird. Nämlich die Chance, unsere Stimme einmal in unser Inneres zu richten. Uns selbst mal zu fragen: “Hey, wie geht’s dir dadrin eigentlich so?”

Unsere ständige Kommunikation mit unserer Außenwelt nimmt in unserem Alltag so wahnsinnig viel Platz ein, dass wir oft versäumen, uns mit dem zu beschäftigen, was bleibt, wenn es um uns herum still wird. Uns selbst.

Stille Tage geben uns die Chance, unsere Kommunikation von extern nach intern zu verlagern. Und Kommunikation formt Beziehung, und die Beziehung zu unserem Inneren sollte stets die wichtigste sein, die wir pflegen. Vor allem ist es die Kommunikation mit uns selbst, bei der noch so viel Optimierungspotenzial vorhanden ist. Denn, sind wir mal ehrlich, würden wir die Gespräche, die wir mit uns selbst führen, uns selbst auf Tonband vorspielen, würde uns das manchmal wohl ganz schön sprachlos machen. „Du siehst fett aus in der Hose.“, „Was klar, dass du das nicht gebacken bekommst.“, „Hättest du vorher wissen müssen.“, „Wie dumm, dass du das gesagt hast.“

Hand aufs Herz – Würden wir so mit irgendeinem anderen Menschen reden? Würden wir über das Leben anderer genauso erbarmungslos herziehen, wie über unser eigenes? Vorausgesetzt, wir sind kein narzisstisches Arschloch, lautet die Antwort: Wahrscheinlich nicht.

Und genau deshalb ist die Kommunikation mit uns selbst so wichtig. Die Beziehung, die wir zu uns selbst haben, so wichtig. Die wichtigste, denn sie bestimmt unsere Sicht auf alles was wir haben, unser Leben. Warum fangen wir nicht an, mit uns selbst so zu sprechen, wie wir es mit den Menschen tun, die wir schätzen? Die wie lieben? Für die wir das Beste wollen?

Die stillen Tage bieten eine wundervolle Möglichkeit, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen, ganz ungestört von dem Stimmenwirrwarr der Außenwelt. Wenn wir dann einmal ganz mutig sind, und sogar das Smartphone zur Seite legen und die zumeist sehr überflüssige, digitale, Möchtegern-Realexistierende-Internet-Kommunikation auch noch für eine Zeit ruhen lassen, dann haben wir die Ausgangssituation geschaffen, um einmal unsere Stimme an uns selbst zu richten. Und zuzuhören, was wir uns selbst zu sagen haben. Desto öfter wir uns diese Zeit nehmen, desto besser werden wir darin. Und irgendwann können wir es ganz leicht über unsere Lippen bringen: „Hey, heute warst du gut.“

Damit nehmen wir einem Ausdruck den Schrecken. Allein sein. Warum wird alleine sein so oft negativ assoziiert? Die Menschen müssen lernen, alleine zu sein. Alleine ganz zu sein. Mit sich selbst gut zu sein. Mit sich selbst tolle Dialoge führen zu können. Damit nehmen wir dem großen Allein Monster nämlich seinen Schrecken. Wir knipsen einfach das Licht an und sehen, dass das Allein Monster eigentlich einem kleinen, süßen Hundewelpen ähnelt, der spielen möchte. Auch diejenigen, die nie alleine sind, die keinen Tag ohne den Klang ihrer Stimme kennen, sollten sich damit befassen. Denn im Laufe des Lebens werden wir alle früher oder später damit konfrontiert, da bin ich mir sicher. Wenn wir das Alleinsein nicht zu schätzen lernen, werden wir nie die Unabhängigkeit erreichen, die gerade in unserer Generation so exzessiv gefeiert wird. Alleine sein zu können, ist eine bewundernswerte Fähigkeit. Eine essentielle Fähigkeit.

Und in der heutigen Zeit ist alleine sein zu können, und sich dabei herauszunehmen, glücklich zu sein – das ist der wahre Luxus.

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