Alles ist jetzt!

…und dann komme ich nach Hause, ziehe die Tür wie jeden Abend hinter mir zu, und doch ist auf einmal alles anders.

Wenn eine Entscheidung getroffen wird, dann ist man so sehr mit Entscheidung treffen beschäftigt, dass zu diesem Zeitpunkt gar nicht klar sein kann, gar nicht realisiert werden kann, dass es jetzt wirklich bald so sein wird. Dass der Traum, der so lange nur im eigenen Kopf existiert hat, nun die Realität ist, dass es echt ist. Dass ich mein eigenes Leben wirklich so beeinflussen kann, dass es so wird, wie ich es mir in einer Traumvorstellung ausgemalt habe.

Vor einiger Zeit habe ich darüber geschrieben, ob wir vielleicht unser Leben verschwenden. Ob unser Alltag, unser Job, unserer geregeltes Leben, unsere Comfort Zone, uns nicht so abstumpfen lässt, dass wir die Magie, die das Leben Tag für Tag für uns bereit hält, irgendwann hinter unseren Akten, unseren PC Bildschirmen, der Rush Hour und dem Wecker klingeln um 6 Uhr morgens, gar nicht mehr sehen.

Und dann. Dann habe ich es einfach gemacht. Die Entscheidung getroffen, mein Leben nicht mehr so zu Leben. Mich verabschiedet von der angenehmen, sicheren Lebenswelt eines soliden Arbeitsplatzes, der dafür sorgt, dass ich stets genug Avocados und Granatäpfel in meinem Kühlschrank habe und mir am Wochenende in dem angesagtesten Hot-Spot der Stadt mit vielen überteuerten Gin Tonics den Kummer, den diese Woche in mein Herz gepflanzt hat, von der Seele trinken kann. Nur um dann festzustellen, dass einen Tag später das Hamsterrad schon wieder bereit steht und nur darauf wartet, dass ich herein springe und laufe. Und laufe. Und laufe. Zum nächsten Freitag. Zum nächsten Wochenende. Zum nächsten Urlaub.

Montags aufzuwachen, viel zu früh, vom Wecker aus dem Schlaf gerissen werden und der erste Gedanke: Fünf Tage noch. Der Montag kann dabei doch gar nichts dafür, dass er ein Montag ist. Es sind genau die selben 24 Stunden, die auch der Samstag bereit hält. Samstags können wir allerdings die Welt erobern. Montags erobern uns nur selbst die quälenden Gedanken an die nächsten 5 bevorstehenden Tage. Wir werfen 75 Prozent jeder Woche weg, weil unsere Tage mit so vielen Dingen gefüllt sind, die uns eigentlich gar nicht erfüllen. Und aus 75 % der Woche werden dann schnell 75 Prozent unseres Lebens – als hätten wir ein zweites im Keller.

Haben wir aber nicht. Das hier ist nicht die Generalprobe. Das ist jetzt oder nie. Wege entstehen, indem wir uns aufraffen, ein bisschen Sicherheit für ein bisschen mehr Leben aufgeben. Und unseren Traum aus unserem Kopf nehmen und vor uns auf den Tisch packen. Ob sich der Traum im Endeffekt so leben lässt, wie wir uns das immer vorgestellt haben – das ist nicht garantiert. Es ist nicht garantiert, dass es besser wird, nur, weil es jetzt anders ist. In jedem Fall muss es aber anders werden, um besser zu werden. Immer das gleiche tun, Tag ein und Tag aus, damit nicht glücklich zu sein, in seinem Inneren eigentlich zu wissen, dass man hierfür nicht geschaffen ist, dass das nicht der Sinn sein kann, aber trotzdem wie ein Baum an der selben Stelle verwurzelt zu bleiben – das ist wirklicher Wahnsinn. Wir haben keine Wurzeln, wir haben Beine. Und diese Beine sind nicht nur dafür gemacht, dass wir das Hamsterrad sich immer schneller drehen lassen, sondern dafür, raus zu gehen in die Welt und uns endlich wieder von der Magie, die irgendwo so weit unter dem Haufen Schrott verborgen ist, verzaubern zu lassen.

Und so schließe ich die Tür und fühle mich – leer. Entscheidung getroffen, Konsequenz nun auf dem Silbertablett vor mir. Macht mir diese Leere Angst? Ein bisschen. Und dieses bisschen Angst ist wahrscheinlich gut – denn, natürlich ist da Leere, wenn ein Kapitel beendet wird und das nächste erst noch geschrieben werden muss. Da liegen dann ganz viele leere Seiten, die gefüllt werden wollen. Der Weg, der nun vor mir liegt, existiert nur als Skizze in meinem Kopf. Ob er, wenn ich in einem Jahr auf die Landkarte schaue, so verlaufen ist, wie es die Skizze vermuten ließ, bleibt abzuwarten. Denn er entsteht erst beim Gehen. Und, wenn ich auch einmal nach links oder rechts abweiche, mich durch Gebüsch und Brennnesseln schlage, statt auf dem gepflasterten Weg zu bleiben, so werde ich doch ganz sicher zu meinem einen Ziel kommen: Zu mir selbst.

Ich ziehe die Tür zu, schaue auf das was war, und bin dankbar dafür, dass alles so gekommen ist, wie es ist. Ich schaue das monströse Hamsterrad an und drehe die Schrauben heraus, zerlege es, und bringe es in den Keller. Ganz nach hinten. Die starken Beine, die mir das Hamsterrad verschafft hat, nutze ich nun, um mich auf einen langen Weg zu begeben. Es hat die Voraussetzungen geschaffen, die es dazu brauchte.

Ich muss lächeln. Alles ist jetzt.

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