Das Geschwür des Small Talks: Alles gut?

Es gibt seit einiger Zeit eine Entwicklung, die mich sehr stark beunruhigt. Sie tritt in verschiedenen, allesamt gleichwertig sinnlosen, Varianten auf, meist in Kombination in dem Kontakt zu entfernten Bekannten, oder, wenn es ganz schlimm ist, sogar in dem zu engeren Bekannten.

Alles gut? Ja. Bei dir? Alles gut!

Auch, wenn Small Talk mir generell eher einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt, hier hört der Spaß wirklich auf. Dagegen kommt die Phrase „Wie geht’s dir?“ als lyrischer Erguss von poetischer Genialität daher. Warum zwingen die Menschen uns mit dieser Pseudo-Frage geradezu dazu, zu lügen?

Wie soll denn bitte alles gut sein? ALLES? Ernsthaft? Ich wette, und hierbei verlasse ich mich natürlich nicht auf fundierte, wissenschaftliche Studien, sondern nur auf meine Wahnsinns-Menschenkenntnis – bei 99,87 Prozent der Fälle, in denen die Äußerung „Ja, alles gut“ fällt, wird pro Tag gelogen. Was soll das denn? Und vor allem, was erwarten diese Menschen, die diese Phrase nur allzu gerne morgens um halb acht an einem Montag in der Kaffeeküche oder an der Straßenbahnhaltestelle im Platzregen stellen? Würden die sich mit einem einfachen: „Nein“ zufrieden geben? Oder muss ich da weiter ausholen, wenn ich mich für ein ehrliches und lügenfreies Lebensmodell entschieden habe?

„Nein, seit ein paar Wochen kämpfe ich massiv mit den psychischen Problemen die meine Kindheit bei meiner Alkoholikermutter und meinem gewaltbereiten Vater so nach sich ziehen. Bei dir denn alles gut?“ oder „Nein, ich habe die halbe Nacht auf Tinder verbracht um meinen Exfreund zu stalken, dabei habe ich eine halbe Flasche Pinot Grigio geleert und ihn dann gegen halb drei morgens angerufen. Aber sonst, alles gut!“.

Diese Phrase ist der Inbegriff der Anonymität, der Oberflächlichkeit, des Desinteresses an unseren Mitmenschen. Der Inbegriff davon, dass viele Menschen noch nicht verstanden haben, dass das Reden nur um des Redens Willen einfach nicht immer Sinn ergibt. Denn, sind wir mal ehrlich, bei welchem Menschen ist wirklich alles gut? Zeig mir den, ich möchte sofort ein Life-Coaching.

Ich bin stark dafür, diese pure Provokation aus unserem Wortschatz zu verbannen. Es gibt doch so viel schönere Gesprächseinstiege, für den Fall, dass wir wirklich am Befinden unseres Gegenübers Interesse haben. Wie wäre es mit: „Hast du heute Nacht genug Schlaf bekommen?“ „Was beschäftigt deine Gedanken gerade am meisten?“ „Welches Ziel verfolgst du gerade am konsequentesten?“ „Auf was freust du dich heute?“.

Diese Art von Fragen bringt A niemanden dazu, diese bescheuerte, noch nicht einmal grammatikalisch vollständige Frage genauso grammatikalisch inkorrekt und inhaltslos zu beantworten („Alles gut“) und B bieten sie eine echte Chance, neue Facetten an unseren Mitmenschen zu entdecken. Könnte ja ganz spannend werden.

Weißt du, was ein totes Gespräch ist? Es ist, wenn man mit geschlossenen Augen, mit verriegeltem Gehirn und mit einer zugemauerten Seele redet und zuhört. Dieses viele tote Denken und tote Reden hat uns Menschen auseinander gebracht.

– Heinz Körner, deutscher Schriftsteller

3 Kommentare zu „Das Geschwür des Small Talks: Alles gut?

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  1. Boah ja! Wie ich Small Talk hasse! Und ich beherrsche ihn auch nicht, das muss ich immer wieder feststellen. Was aber auch ganz ungünstig sein kann, wenn man irgendwo neu dazustößt und sich nicht traut, gleich die tiefgründigen Fragen auszupacken. Ich verfalle dann eher in Schweigen und das ist auch manchmal doof.

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    1. Ich kenn das, ist bei mir genauso – ich kann mich einfach nicht dazu hinreißen lassen, mit Small Talk ernsthaft umzugehen.. Entweder ist die Konsequenz dann auch Schweigen, oder einfach mal die Frage stellen : Waren Sie heute schon glücklich? Verstörte Reaktion inklusive 😁

      Gefällt 2 Personen

  2. genial beschrieben, ich musste schmunzeln. Dankeschön Mme Fox. Ich erinnere mich noch genau, als ich vor vielen Jahren das erste Mal in den USA war: ich war irritiert, dass alle Menschen mir diese Frage stellen, sie grundsätzlich die Antwort aber nicht interessiert. Es ist einfach nur höflich zu fragen. Small Talk ist eine höfliche Ignoranz und leider so allgegenwärtig geworden.

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