Wann wir das Leben am meisten schätzen

Wieder ein Roman, der mir beim Lesen nahezu durchgängig eine Gänsehaut verpasst hat. Ein Roman, über den Moment, in dem wir das Leben am meisten zu schätzen wissen. Paulo Coelho schreibt in seinem Roman über eine junge Frau, die beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzten. Eine junge Frau, die augenscheinlich alles hat, was man sich wünschen kann, aber doch mit ihrem Dasein auf der Erde irgendwie nichts so recht anzufangen weiß.

Und dann trifft die junge Frau die Entscheidung, zu sterben. Sie unternimmt einen Selbstmordversuch, weil sie in diesem Leben nichts sieht, wofür es sich noch weiter zu leben lohnen würde. Sie hat eine Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber entwickelt, der sie nun ein Ende setzen möchte.

Doch sie scheitert und wird stattdessen in ein Sanatorium eingewiesen. Enttäuscht darüber, dass ihr der Versuch, unter ihr eintöniges Leben einen Schlussstrich zu setzten, missglückt ist, erhält sie die zunächst erlösende Nachricht, dass sie durch ihren Selbstmordversuch ihr Herz so sehr geschädigt hat, dass ihr maximal noch eine Woche zum Leben bleibt – das klingt für die junge Frau erst einmal nach einer guten Nachricht, es sind nur noch wenige Tage, die sie sich in ihrem irdischen Dasein quälen muss.

Doch dann trifft die junge Frau Menschen. Menschen, die sie inspirieren. Menschen, die sie beginnt zu lieben. Menschen, die sie dazu bringen, Dinge zu hinterfragen. Sie trifft die Leidenschaft in sich selbst, die sie immer unterdrückt hat, der sie nie nachgegangen ist. Und sie trifft auf die Schönheit der Welt. Die einstige befreiende Gewissheit, in einigen Tagen nicht mehr Teil dieser Welt zu sein, wird zu einer unbändigen Angst, all‘ dies in Zukunft missen zu müssen.

Und das, das ist genau der Moment, in dem wir unser Leben anfangen, zu schätzen zu lernen. In einer solchen Klarheit, die wohl kein anderer – sei er noch so mitreißend – Moment in unserem Leben bringen kann. Erst, wenn die Endlichkeit unseres Lebens in eine so greifbare Nähe rückt, dass wir ihren warmen Atem in unserem Nacken spüren können, begreifen wir, welches Geschenk uns hier zu teil wird und vor allem, woraus dieses Geschenk in seinem wesentlichen Teil besteht.

Es besteht aus den Menschen in unserem Leben. Den Menschen, die es schaffen, dass unser Bauch vor lachen weh tut, den Menschen, die uns so sehr verletzen, dass sie uns zum Weinen bringen. Den Menschen, die es schaffen, uns selbst und unsere Welt, unser Leben, wie wir es bis hierhin gelebt haben, zu hinterfragen. Und es besteht aus unserer innersten Leidenschaft. Dem, wofür unser Herz brennt. Dem, dem wir nachgehen würden, wenn wir wüssten, dass wir in ein paar Stunden für immer unsere Augen schließen. Es besteht aus den kleinen Wundern, die dieser Planet, der sich um einen riesigen Feuerball dreht, für uns bereithält.

Wir verbinden diese plötzliche bewusste Endlichkeit immer nur mit dem Moment, wenn der Tod wirklich nahe ist. Wenn wir von einer schlimmen Krankheitsdiagnose hören, einem schrecklichen Unfall, oder, von Selbstmord. Wir erschrecken, wenn ein Mensch plötzlich aus dem Leben gerissen wird oder sich auf einmal mit dem nahenden Tod auseinander setzten muss. Dabei ist das verrückt. Wir wissen nie, keiner von uns, wie weit er entfernt ist. Vielleicht ist er noch gute siebzig Jahre entfernt, vielleicht können wir ihn aber schon berühren, wenn wir unsere Hand ausstrecken, ganz leicht, mit unseren Fingerspitzen. Vielleicht wartet er einfach schon lauernd hinter der nächsten Ecke und wir ahnen gar nichts davon, Leben unser Leben einfach so weiter vor uns hin, schieben auf, warten ab, zögern und verlieren unseren Fokus und unsere Leidenschaft in unserem Alltag. Nur, weil es sich lediglich in den wenigsten Fällen so zuträgt, dass ein Mann in einem weißen Kittel auf uns zu kommt und uns mathematisch genau ausrechnet, wie viel Zeit noch bleibt, bis wir unseren letzten Atemzug tun.

Und noch etwas zeigt Coelho in seinem Roman. Nämlich, was Verrücktheit wirklich bedeutet. Verrückt. Gehen wir auf den eigentlichen Sinn des Wortes zurück. Etwas ist ver-rückt. Es befindet sich also nicht mehr an dem eigentlichen Platz, an dem es sein sollte. Dieser eigentliche Platz sind die Normen, die Werte, die uns die Gesellschaft auferlegt. Die für alle Menschen gleichermaßen gelten sollen. Und die Verrückten sind die, die nicht mehr Teil dieses Konstrukts sind. Die darüber hinaus gerückt sind. Doch haben wir nicht eigentlich alle diesen Teil in uns? Den Teil, den wir Tag für Tag verleugnen, weil er schlichtweg nicht hineinpasst? Die Gedanken, für die wir uns schämen. Die Dinge, die wir lieben, denen wir aber nicht nachgehen. Die Worte, die wir nicht aussprechen, weil uns andere als verrückt betiteln würden? Die Sachen, die wir nicht tun, weil man dies einfach nicht tut? Die Verrückten sind die, die langsam diese tief in ihnen begraben Dinge hervorgeholt und den anderen gezeigt haben. Die dafür verurteilt werden, Tag für Tag, in Schubladen gesteckt werden, über die mit vorgehaltener Hand geredet wird. Doch, wenn die Verrücktheit eigentlich doch in jedem von uns schlummert, die meisten sie nur tief unten im Keller eingesperrt haben, gehört sie dann nicht zu uns Menschen schlichtweg dazu?

Nach dem Autor äußert sich diese Unterdrückung der Verrücktheit in einer Krankheit, in der Verbitterung. Desto mehr wir unser Selbst verleugnen, mit allem, was dazu gehört, desto mehr Bitterkeit produziert unser Körper. Und diese Bitterkeit macht uns müde. Sie macht uns viel zu müde, um das Leben zu einhundert Prozent mit allem was dazu gehört zu genießen. Sie lässt uns taub werden, für die schönen Wörter und die Poesie, sie lässt uns blind werden für die Schönheit und die Wunder unseres Lebens, und sie lässt uns stumm werden, wenn es darauf ankommt, das zu sagen, was wirklich wichtig ist.

Die Moral? Das Leben ist nicht nur endlich, wenn wir dies schwarz auf weiß als wissenschaftlich fundierte Diagnose vor uns liegen haben. Diese Diagnose bekommen wir jeden Morgen auf’s neue, und zwar jeder einzelne von uns. Was wir aus dieser Diagnose machen, liegt bei uns. Sicher ist, dass die Prise Verrücktheit, die wir irgendwo und irgendwann auf Seite geschoben haben, uns dabei helfen kann, ein neues Verständnis zu entwickeln – für die Welt, für die anderen, und ganz besonders für uns selbst.

3 Kommentare zu „Wann wir das Leben am meisten schätzen

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