Kommt das Beste wirklich noch?

Das Beste kommt noch. Haben wir das nicht schon alle einmal gehört? Und möchten wir das nicht alle so gerne glauben? Glauben, dass das hier, das Jetzt, alles nur die Light-Version ist und uns jeden neuen Tag, der Beste unseres Lebens bevorstehen könnte? Er muss auf jeden Fall noch bevorstehen, denn, wenn nicht, wozu denn dann der ganze Quatsch?

Die Augen schließen und sich sammeln. Ich bin mir sicher, jeder von uns hat seine ganz persönliche Hitlist an Momentaufnahmen, die Top Ten, die Charts der großartigsten Momente. Wir können sie uns so real vor Augen rufen, dass wir uns für einen ganz kurzen Augenblick wieder genau in diesem Moment sind und sie wahrlich spüren können. Wir können den Geruch, der in der Luft lag, wahrnehmen, wir hören die Hintergrundmusik, auch, wenn wir die nur nachträglich reingeschnitten haben. Und vor allem fühlen wir. So viel, so tief, so schön. Und dann, dann öffnen wir die Augen. Der Moment ist nicht mehr da. Fein.

Das jeder Moment, den wir in unserem Leben erleben, einzigartig ist, ist eine althergebrachte Wahrheit. Oft ähneln sich Momente, natürlich, aber doch gibt es immer die ganz feinen Nuancen, die sich unterscheiden. Einmal passiert, ist der Moment also ins Archiv gerutscht. Natürlich tragen wir dieses Archiv immer in unserem Kopf, und so manches Mal auch in unserem Herzen, mit uns herum, können uns zurückerinnern und zurück hineinfühlen. Wie schön. Aber, ist das ganze „Lächle nicht, weil es vorbei ist, sondern freue dich, weil es so schön war!“ nicht ganz oben auf der Liste der Verarsch-Dich-Selbst-Sprüche? Sind wir ehrlich, so schön der Moment auch war, unser innigster Wunsch, diesen Moment noch einmal erleben zu dürfen, oder am besten gleich auf Dauerschleife – der wird sich nicht erfüllen. Nie. Auch nicht am Schluss.

Und genau das macht diese Momente natürlich so wertvoll. Es ist der eine Moment unter Tausenden. Der Moment, in dem du so viel fühlst, dass dein Atem stockt und dein Herz an deinen Rippen wie wild rüttelt, weil es daraus springen will. Wertvoll werden Dinge dadurch, dass sie selten sind. Dass sie nicht für immer bleiben. Vergänglichkeit.

Die Ausgangslage ist also geklärt. Wir alle tragen Momente in uns, an denen wir unwahrscheinlich hängen, weil sie zu den besten Momenten unseres Lebens gehören. Und trotzdem ist da der Satz: „Das Beste kommt noch“. Er stellt sich vor unsere Herzerinnerungen und lacht sie aus, macht sie zu Amateuren, denn – wartet ihr erst einmal ab! Er schubst die Nostalgie vom Balkon und schaut dann selbstzufrieden auf diese herab. Wenn wir hin laufen, um die Nostalgie da vom Boden aufzukratzen und schnell die Wunden zu verbinden, dann sagt er süffisant, wie unnötig das ist, es kommt doch noch so viel besser.

Wer hat das bestimmt? Wer hat das herausgefunden? Wo sind die Belege dafür, dass die Zukunft so viel Glück für uns bereithält, das wir uns das noch gar nicht auszumalen wagen? Was ist denn, wenn das Beste schon passiert ist? „Das Beste ist vorbei“ eignet sich halt einfach ganz schlecht als Wand-Tattoo. Beurteilen wir die Sache aber mal realistisch, dann ist es mindestens eine Option, dass es so kommen kann. Wie würdest du dich fühlen, wenn du sicher wüsstest, dass der beste Moment deines Lebens schon passiert ist?

Eher so mittel wahrscheinlich. Und deswegen schreiben wir uns „das Beste kommt zum Schluss“ auf unsere Fahnen und gehen damit auf der Straße unseres Lebens lautstark demonstrieren. Das wird das olle Schicksal schon in die Knie zwingen. Und „zum Schluss“ ist ja sogar noch viel besser als „noch“. Denn, wenn es erst am Schluss kommt, hat die Nostalgie gar keine Zeit mehr, keine Sekunde mehr, um den tollen Moment nach einer halben Flasche Rotwein zu beweinen.

Keiner weiß, welche Karten da noch auf dem Tisch seines Lebens liegen und darauf warten, umgedreht zu werden. Der ein oder andere von uns, wird da sicher noch einiges an Aßen auf sich warten haben. Die anderen können vielleicht nur auf den Joker hoffen.

Jeder von uns wünscht sich, dass die Zukunft das Glück bereithält. Entweder genauso schön, wie das, aus den Herzmomenten oder, wenn es gut läuft, sogar noch viel besser. Aber es gibt in diesem Leben keine Garantie. Und leider auch dafür nicht. Das, was sicher ist, ist dass die schönsten Momente schon passiert sind. Das ist ein Fakt. Darauf zu hoffen, dass ähnlich schöne Dinge noch einmal passieren, ist natürlich völlig legitim und wahrscheinlich auch gesünder, als die Sache nüchtern zu betrachten.

Und selbstverständlich habe ich auch Momente, an die ich mich zurückerinnere. In die ich mich hineinfühlen kann. Und diese Momente haben alle etwas gemeinsam: Sie sind vergangen. Sie sind nicht mehr da. Dich kann wochenlange Vorfreude auf etwas nicht mehr schlafen lassen, und dann ist das Große, was da vor uns lag, doch so schnell wieder vorbei. Das Erleben dauert nur einen Moment, die Erinnerung hält – den Fall einer Amnesie ausgenommen – wohlmöglich für immer. Müssen wir deswegen aber immer Lächeln, weil es so schön war? Oder können wir auch unserer niedrigen Frustrationstoleranz einfach mal nachgeben und anfangen zu heulen, weil es beschissen schön war und gleichzeitig so beschissen vorbei ist?

Alles wird gut. Das Beste kommt noch. Ist es nicht gut, ist es noch nicht das Ende. Was bleibt uns denn anderes übrig, als den Mist zu glauben? Gar nichts. Denn, wenn wir daran nicht glauben, dann brauchen wir auch morgens unser Bett nicht mehr zu verlassen, denn die Chance, dass da draußen etwas besseres als das Bett wartet, ist gering.

Die Karten sind noch verdeckt, und egal, ob auf unserer Hand der Royal Flush darauf wartet, zum Zug zu kommen, oder wir haushoch verlieren werden. Wir haben keine andere Wahl, als weiterzuspielen. Und, wenn wir verlieren, bauen wir uns aus unseren Scheiß-Karten vielleicht ein Kartenhaus, das dann auch zusammenbricht. Vielleicht erkennen wir dann unter dem Haufen der Karten, dass es doch schön war, dass das Beste schon war. Und ziehen weiter und schauen, ob das Allerbeste, das noch kommt, vielleicht Schach spielt.

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