Das Kind in uns

Kindheit. Spielen, Lachen, Freude, Unbeschwertheit – das sind wohl die gängigsten Assoziationen mit dem Begriff. Kindheit, da war noch alles einfach. Es ist eigentlich verwunderlich, dass diese Zeit in unserem Leben oft so positiv hervorgehoben wird, denn nur die wenigstens von uns haben diese Zeit ohne nachhaltige Konsequenzen hinter sich gebracht.

Die Kindheit ist die Zeit unseres Lebens, die uns am meisten prägt. Klar, denn zu keiner anderen Zeit in unserem Leben prasseln so viele neue Dinge und Erfahrungen auf uns ein, wie in den jüngsten Jahren. Es sind die Jahre, in denen Dinge zum ersten Mal gemacht werden, Gefühle zum ersten Mal gefühlt werden – und in denen wir zum ersten Mal verletzt werden.

Natürlich gibt es hier Ausnahmen, Menschen, die das große Glück haben, eine perfekte Kindheit vorweisen zu können. Die sich heute nicht mehr mit Altlasten aus den Zeiten herumschlagen müssen. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir allerdings, dass dies die wenigstens von uns sind. Leider.

Es gibt die, die so richtig miese Karten in ihrer Kindheit gezogen haben. Diejenigen, die ihrer Kindheit beraubt wurden, durch Missbrauch, Gewalt, bewusste emotionale Verletzungen. Denjenigen sind diese Erfahrungen stets präsent, das Erlebte bewusst. Leider. Doch auch diejenigen von uns, die kein traumatisches Erlebnis explizit benennen können, tragen ihre Erfahrungen in ihrem Unterbewusstsein Tag für Tag mit sich herum. Wie ein unsichtbarer Rucksack, der mit den Jahren mit immer mehr Steinen gefüllt wird und so immer stärker auf uns lastet, unsere Bewegungen beeinflusst.

Unsere Kindheit haben wir hinter uns gelassen. Doch der kleine Mensch von damals, den haben wir mitgenommen. Unser inneres Kind ist in uns, egal, wie erwachsen wir mittlerweile zu sein scheinen. Und dann gibt es da Situationen, wo das Kind in uns anfängt zu quengeln. Und zu treten. Und gegen unseren Bauch zu boxen. Situationen, in denen es schreit: „Lauf, es ist genau wie damals.“

All‘ die Dinge, die in den jungen Jahren schief laufen können, kann ich nicht aufzählen. Meistens sind es Grundbedürfnisse, die nicht erfüllt wurden, bedingungslose Annahme, Liebe, Geborgenheit, Fairness, Harmonie. Doch was soll uns heute interessieren, ob wir uns damals mit fünf mal nicht geliebt gefühlt haben, oder ob bei unseren Eltern regelmäßig die Fetzen geflogen sind – schließlich sind wir jetzt erwachsen und leben unser eigenes Leben. Auch, wenn wir uns die Augen zu halten möchten – es muss uns interessieren. Weil das verletzte Kind ein Teil von uns ist. Immer noch.

Mittlerweile sind wir selbst erwachsen und können unseren Eltern und unserem damaligen Umfeld dafür keine Vorwürfe machen. Das Leben läuft nicht immer wie im Bilderbuch und auch Eltern sind nur Menschen, die Fehler machen, genau, wie wir heute. Egal, wie sehr man sein bestes geben möchte, manchmal hat das Leben einen anderen Plan.

Die Konsequenzen für unser jetziges Leben sind uns nicht bewusst. Sie werden durch unser Unterbewusstsein gesteuert und lassen uns glauben, dass wir nun einmal so sind. Dass wir eben ein absoluter Kontrollfreak sind, dass wir emotional nur schwer erreichbar sind oder, dass wir einfach nicht gerne nein sagen. Dabei sind das nicht wir, es ist unser inneres Kind, dass alles in seiner Macht stehende versucht, die Verletzungen von damals nicht noch einmal geschehen zu lassen. Fängt unser inneres Kind an zu quengeln, ist unsere Seele wieder sechs Jahre alt. Wir legen ungesunde Verhaltensmuster an den Tag, die uns hindern, Dinge zuzulassen, nach denen wir uns doch eigentlich so sehr sehnen.

Es ist ein Teil von uns, und im ständigen Verdrängen wird sich dieser Teil niemals beruhigen oder gar verleugnen lassen. Der Weg ist es, ihn anzuerkennen. Und dem Kind in uns liebevoll zu begegnen und zu sagen: Hey, es ist okay. Es ist okay, so zu sein, wie wir sind. Es ist okay, die Dinge erlebt zu haben und es ist heute wie damals okay, nicht perfekt zu sein. Unser Kind braucht eine Wiese, auf der es spielen kann und auf der es im Gras liegen und weinen kann. Wenn es das alles bekommt, dann wird es mit der Zeit weniger quengeln, weniger treten und weniger boxen.

Die Vergangenheit können wir alle nicht verändern, egal, wie sehr wir es uns wünschen. Aber die Zukunft, die liegt heute noch in unserer Hand. Nehmen wir unser inneres Kind an die Hand und erleben mit ihm gemeinsam die Zukunft zum ersten Mal. Sie wird okay sein.

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