Neues aus dem Tindergarten

In den vergangenen Wochen habe ich mich mal wieder eine zeitlang relativ intensiv mit der App des Grauens beschäftigt. Und, was soll ich sagen? Zu erst einmal: Tolle Sonnenbrillen, Jungs! Wirklich! Ich weiß nicht, ob ihr alle eine Affiliate-Marketing Kooperation mit Ray-Ban betreibt, oder ob sich euch der Sinn, dass diese App hauptsächliche über Fotos funktioniert, noch nicht erschlossen hat. Wie das Phänomen heißt, dass so gut wie alle Männer mit Sonnenbrillen (die bunten zum Fahrrad oder Ski fahren ausgenommen) attraktiv wirken, weiß ich nicht, aber ausschließlich auf Bilder mit diesem Accessoire zu setzen, kann für euren Date-Partner spätestens beim ersten realen Date bei bewölktem Himmel ernüchternd sein. Alles selbst erlebt.

Das ist also das erste, was mir den Nerv raubt. Dazu nerven mich die 95 Prozent der Bilder, die wirklich einfach nur gruselig sind. Niemand muss eine Schönheit sein, schon klar, aber auch der größte Gollum kann mir bei manchen Fotos, bei denen ich beim Rumswipen jedes Mal leicht zusammenzucken muss, erzählen, dass dieses das beste Bild von dir ist, was existiert und du dieses mit Sinn und Verstand als das repräsentativste für die Partnersuche auserkoren hast.

Fast genauso schlimm: Die um jeden Preis witzig klingenden, schon tausendmal gelesenen, Profilsprüche. „Sag, wenn ich zuerst schreiben soll“. Hashtag Stille. „Nein, ich folge dir nicht auf Instagram.“. Ich hoffe es, du Stalker. „Wenn du nicht so aussiehst wie auf den Bildern, bezahlst du solange das Bier, bis du es tust.“ Mach dir um mich mal keine Sorgen…

Ach, es ist einfach verflucht mit dieser App. Ich hatte in der letzten Zeit mehrere Dates, die verschiedene Stufen auf der Skala der Absurditäten erreicht haben.Von so mittel bis sehr, sehr weit oben. Angefangen von dem eingangs beschriebenen Sonnenbrillen-Dilemma, bis hin zu einem handfesten Streit beim ersten Date morgens um drei Uhr auf der Straße. Schreiben, Schreiben, Schreiben, vorher unendliches nach links Gewische nicht zu vergessen, Date ausmachen, Vorfreude, Hollywood-Szenarien im Kopf durchspielen, und dann? Dann nichts. Außer vielleicht Kopfschütteln und verstörtes Rumsitzen mit nach vorne und hinten Wippen, wie ein autistisches Kind.

Tinder setzt irgendwie alle Regeln der Statistik außer Kraft. So viele Katastrophenmenschen sind doch rein statistisch gar nicht möglich? Nach vier Tinder-Dates brauche ich gefühlt eine Delfintherapie. Statistisch gesehen müsste doch bei vier Kandidaten, die mich wenigstens dazu bekommen haben, meine wertvolle Zeit mit ihnen für ein paar Stunden tu teilen, einer dabei sein, der wenigstens in die Kategorie normaler Mensch eingeordnet werden könnte, oder? Leider nein.

Woran liegt das? Liegt das vielleicht gar nicht an der App an sich, sondern an meinem viel zu schlechten Männergeschmack? Natürlich zählt bei Tinder der optische Eindruck. Da kann jemand einen noch so vielversprechenden und lustigen Emoji-Lebenslauf in seinem Profil haben, wenn das Gesicht mir nicht gefällt, gefällt mir das Gesicht nicht. Deshalb sollte die App allerdings noch nicht verteufelt werden, denn, seien wir einmal ehrlich, ist es im echten Leben anders? Auch da ist die Optik, das erste, was ich an einem Menschen wahrnehme.

Tinder mag oberflächlich sein, das echte Leben ist es aber auch, sorry an alle Charakter-zählt-über-alles-Weltverbesserer da draußen. Und, bitte nicht falsch verstehen – ich rede nicht davon, dass ich nur Ryan Reynolds-Verschnitte daten würde (obwohl ich da wohl über das ein oder andere charakterliche Defizit hinwegsehen würde), trotzdem muss aber auch das Aussehen irgendwie passen und gefallen. Ist halt so. Und, weil das bei mir eben so ist, muss ich vielleicht damit leben, dass meinem Kopf halt nur die Gesichter von Geisteskranken gefallen – Pech gehabt.

Es ist schon seltsam – hat man hier jemanden gefunden, mit dem man wirklich erfrischende und anregende Gespräche führen kann, ist da von jetzt auf gleich ein neuer Mensch im Leben. Man bekommt „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“-Nachrichten und spinnt sich vor dem eigentlichen Treffen ein Bild von dem Menschen im Kopf zusammen. Tinder ist eine riesige Projektionsfläche. Von den Fotos der Menschen, schließen wir auf ihren Charakter. Ihre Texte nehmen wir und setzen damit ein Bild zusammen, wegen dem wir auf einmal seit langer Zeit über eine blöde Nachricht doof grinsen müssen. Dann kommt das Treffen, Delfintherapie und der Mensch ist wieder weg. Aufgeben ist natürlich keine Option, also wirft man sich wieder in den Teufelskreis von links, links, links, rechts und vertraut auf die nicht geltenden Regeln der Statistik, dass das nicht jedes Mal so laufen kann.

Aber irgendwann werde ich einfach müde. Ich werde müde, immer die selben doofen Witze zu reißen, meinen Lebenslauf herunterzubeten und die Menschen, in meine Welt hineinschauen zu lassen, bei denen man lieber schnell das Rollo runterlassen sollte. Doch, was ist die Alternative? Um potentielle Datingpartner kennenzulernen ist Tinder mit Sicherheit ein adäquateres Mittel als bei einem Mädelsabend in der Bar des Vertrauens darauf zu hoffen, dass heute der Traumprinz hereingeschneit kommt, wo sich seit Jahren sowieso nur die gleichen Bummsgesichter rumtreiben.

Also doch aufgeben? Irgendwie steckt hinter den aktiven Tinderphasen ja doch der Wunsch, jemanden kennenzulernen, der nichts so ganz gegen die Wand gelaufen ist und doch als potentieller Partner oder wenigstens als freudbringender Weggefährte in Frage kommt. Grundsätzlich glaube ich an schicksalhafte Begegnungen – die das Universum sicher auch über Tinder herstellen kann. Wahrscheinlich liegt der Schlüssel darin, das ganze Kopfkino und die Projektion auf dem möglichst niedrigsten Level zu halten, bevor die Person nicht mindestens zwei bis dreimal persönlich begutachtet wurde. Ist zwar schwierig, aber unsere Selbstbeherrschung möchten wir ja alle irgendwo optimieren. Warum dann nicht hier üben.

Und, unter uns – ohne die Tindergeschichten hätte ich und mein Umfeld doch einiges weniger zu lachen – wäre doch schade drum!

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