Aua, Weltschmerz.

Und dann, aus dem nichts, da tut es auf einmal wieder weh. Den genauen Ort kann ich nicht ausmachen. Ob der Schmerz dumpf oder stechend ist, in Schüben kommt oder immer latent da ist, das weiß ich auch nicht. Irgendwie ist es ein Schmerz, mit dem ich nichts so recht anzufangen weiß.

Ich weiß nur, dass er da irgendwo ist. Und immer mal wieder kommt. Wir predigen Achtsamkeit und Engagement. Empathie. Wir sollen uns einsetzen für die anderen, für die Umwelt, und besonders für uns selbst.

Die Zufriedenheit, das Glück, das gute Leben, das alles winkt uns vom Horizont zu. Wir müssen nur noch ein kleines bisschen hier und da verbessern, die eine blöde Angewohnheit noch ablegen, da vorne etwas optimieren, nichts mit Plastikfolie kaufen und mit dem Rauchen aufhören. Dann, dann wird alles gut.

Irgendwie denkt man das so. Bis man wirklich mal denkt. Und die Augen auf macht. Die Welt betrachtet und nicht nur seine eigenen kleinen und feinen gemieteten 55 Quadratmeter in der ruhigen Seitenstraße.

Ich habe die letzten Abende damit verbracht, auf Netflix eine Dokumentation über einen Serienkiller zu schauen. Wie gebannt starrte ich Stunde um Stunde auf mein iPad, um am Ende nur zu denken. Krass. Krass, was es gibt. Krass, wozu Menschen fähig sind. Und dann steigt sie in mir hoch, eine undefinierbare Angst. Ich möchte das Fenster aufreißen und den Menschen auf der Straße zurufen: Wie könnt ihr nur so fröhlich hier rumspazieren? Wisst ihr denn gar nicht, wie schrecklich die Welt ist? Wozu Menschen fähig sein können? Lauft schnell nach Hause und verriegelt eure Türen!

Die angesprochene Doku ist nicht die erste, die mich auf eine unbeschreiblich seltsame Art mitnimmt. Auch die Dokumentation über den Vermisstenfall von Maddie McCane hat mich aufgewühlt – über welche Abgründe springt die Menschheit da jeden Tag eigentlich, lustig vor sich hin pfeifend, drüber?

Mit jedem neuen Fall von Gewalt und unbeschreiblichen Leid, mit dem man sich näher befasst, wird schmerzhaft bewusst, dass es da draußen noch Eintausendmillionen mehr von solchen Vorfällen gibt. Morde, Entführungen, Vergewaltigungen. Folter. Und trotzdem sagen wir oft so frei heraus, dass kein Mensch wirklich böse ist? Und wieso passieren dann so unvorstellbare Dinge, die klingen, wie aus einem Stephen King Roman?

Wir haben alle schon von solchen Dingen gehört. Oft bleibt es hier bei dem „davon hören“, weil intensives Nachdenken darüber Schmerzen bereitet. Wo ist Platz für die ganze Lebensfreude und Positivity in einer Welt, in der solche Dinge geschehen können? In der Köpfe abgetrennt, Leichen geschunden, Menschen in Kellern eingesperrt und Tiere lebendig seziert werden? Von den ganzen Fragen bekomme ich Kopfschmerzen, weil ich keine Antwort finde, die nicht einem Euphemismus entspräche.

Mit den ganzen Gewalttaten und Verbrechen ist es ja nicht getan. Müll in den Ozeanen, in denen sich Fische und Wasservögel zu Tode quälen. Schmelzende Pole, die bald ganze Kontinente überfluten. Naturkatastrophen wie der Tsunami oder menschlich herbeigeführte Tragödien wie Fukushima. Versuchen wir an als das gleichzeitig zu denken und es zu fassen, können wir dann immer noch bedenkenlos den #GoodLife und #blessed Hashtag setzen?

Im Vorbeigehen können wir den Weltschmerz schnell wider ignorieren. Wir werfen einen kurzen Blick auf diese suboptimalen Dinge, reiben uns die Augen und bestellen schnell einen Green Smoothie, natürlich im eigenen To-Go Becher, mitgebracht von zuhause. Denn uns ist unsere Umwelt ja nicht egal. Wenn wir aber kurz stehen bleiben, einen Schritt auf die Dinge zu gehen, und ihre Details versuchen zu fassen, dann überwältigt uns der Schmerz. Und wir werden merken, dass wir nichts tun können, um schrecklich Dinge zu verhindern. Dass es egal ist, ob es uns egal ist. Dass unsere Fröhlichkeit und Unbeschwertheit immer eine Art der Verdrängung sein wird. Eine Verdrängung, die in dieser Welt einfach nötig ist, um nicht 24/7 heulend im Bett zu liegen.

Auf die Fragen, die ich weiter oben gestellt habe, finde ich keine befriedigende Antwort. Ich für meinen Teil muss mich, nachdem ich diese schrecklichen Dinge näher betrachtet habe, ablenken. So tun, als wäre es nur eine Geschichte von Stephen King. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun, sondern mit Selbstschutz. Ohne das Ablenken, ohne das Verdrängen, würde ich mich bei jedem Lächeln schuldig fühlen. Für den Schmerz der Welt. Dafür, dass Menschen schreckliches erleben mussten, und ich bis jetzt nur so halb schreckliches.

Die Frage, auf die es ankommt ist wahrscheinlich, ob es etwas ändern würde, den Weltschmerz stets präsent auf einem Silbertablett vor sich her zu tragen, darauf zu zeigen und die Tränen laufen zu lassen. Und bezüglich der Antwort auf diese Frage bin ich mir sogar fast sicher: Nein. Ändern würde es nichts.

4 Kommentare zu „Aua, Weltschmerz.

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