Warum wir selbst unser Herz brechen.

Der Datingdschungel ist ein hartes Pflaster geworden. Und allzu oft stürzen wir ab von unseren Lianen, an denen wir uns von einem potentiellen Partner zum Nächsten schwingen. Egal, wie oft wir schon gefallen sind, der Schmerz wird einfach nicht weniger. Der Aufprall nicht sanfter. Die blauen Flecken mögen mit der Zeit zwar verblassen, doch verformt bleibt die Stelle doch irgendwie. Auch, wenn man es von außen gar nicht erkennen kann. 

Herz gebrochen. Anderer Mensch, gleiches Ergebnis. Doch, warum passiert das überhaupt? Und warum scheint es manchen von uns immer und immer wieder so zu gehen? Ich glaube, dass dafür nicht ein einzelnes Kriterium ausschlaggebend ist, sondern eine ganze Reihe von Verkettungen unglücklicher Umstände. 

Da wäre zum Einen die Sache mit der Attraktivität. Natürlich soll unser potentieller Partner attraktiv sein. Ohne eine körperliche Anziehung funktioniert es einfach nicht. Aber muss diese wirklich von der ersten Sekunde an da sein? Wenn wir jemanden als überdurchschnittlich attraktiv empfinden, mutieren wir doch oft schnell zu einem unsicheren Etwas, das mit aller Kraft versucht, mithalten zu können. Jede Handlung wird vorher unzählige Male abgewogen, genau kontrolliert, wie oft man nun schreibt oder sich meldet, und ehe wir uns versehen, sind wir ein Psychopath geworden, der eigentlich gar nichts mehr mit unserem eigentlichen Ich gemeinsam hat. Und dann wundern wir uns, warum es mal wieder nicht funktioniert hat und schieben es lieber auf unsere eigene Attraktivität, die scheinbar nicht ausgereicht hat, um dieses gottgesandte Geschenk der Männlichkeit zu halten. 

Warum läuft die Sache denn oft so anders bei den Männern, an denen wir gar nicht wirklich interessiert sind? Warum scheinen uns immer die zu wollen, die wir nicht wollen? Vielleicht einfach deswegen, weil wir uns vor ihnen nicht verstellen und ganz wir selbst sind? Wir bei ihnen nicht zur Geisteskranken mutieren und uns selbst jeden Morgen erneut die Clowns-Grimasse aufmalen? Eine Überlegung wäre es wert. 

Wir suchen alle nach dem absoluten Wow-Effekt. In allen Bereichen unseres Lebens, ob im Job, beim Reisen oder in den Filtern unseres Smartphones. Wir wollen die ganz großen Gefühle, Liebe auf den ersten Blick. Wir treffen jemanden und es fühlt sich auf einmal so magisch an, dass wir alles um uns herum und auch alles in uns drin vergessen. Geblendet von all dem, was sein könnte, vergessen wir das, was wirklich ist. In unserem Kopf malen wir uns zukünftige Szenarien aus und meißeln schon alles in Stein, wo ein vorsichtiger Strich mit Bleistift angebracht wäre. Wir schießen uns so auf die neue Person in unserem Leben ein, dass wir über alle Alarmglocken und roten Flaggen hinwegsehen. Egal, ob es drei Tage, drei Monate oder drei Jahre dauert bis die Person sich entscheidet, dass wir doch nicht ihr Non-Plus-Ultra sind – wir sind am Arsch. Weil alles, was wir uns in unserem Kopf ausgemalt haben nun schon wieder in den Papierkorb geschoben werden kann, zu dem ganzen restlichen Müll von davor. 

Hätten wir es verhindern können? Vielleicht, wenn wir ein bisschen besser aufgepasst hätten? Wenn wir unser Urteil nicht nur auf unsere Gefühle gebaut hätten und uns von unseren innersten Wünschen und Bedürfnissen hätten leiten lassen? Wenn wir uns nicht so sehr verbogen hätten, um die andere Person zu halten? Weniger still geblieben wären, wenn wir soviel zu sagen hatten, nur um die heiligen Nerven des Anderen zu schonen? Ja. Vielleicht. Vielleicht waren wir so sehr damit beschäftigt, mit Engelzungen auf die andere Person einzureden, dass wir gar nicht gemerkt haben, dass wir uns konstant auf eine Mauer zubewegen. Anstatt uns selber vor dem Aufprall zu schützen, haben wir versucht, den anderen dazu zu bringen, die Richtung zu wechseln. Denjenigen, der schnell aus dem Auto gesprungen ist, bevor die Mauer erreicht war. Wir haben den Airbag mit voller Wucht ins Gesicht bekommen. 

Wir erwarten von unserem Gegenüber, dass er genauso tickt, wie wir. Wir haben Erwartungen, die wir anhand unser eigenen Werte und Normen festmachen. Aber nicht alle haben das gleiche Herz wie wir. Nicht alle stehen dort im Leben, wo wir stehen. Nicht alle kennen sich selbst so gut, wie wir uns. Da sind Dinge, die wir von Menschen erwarten, die gar nicht in der Lage sind, diese zu erfüllen. Weil sie vielleicht selbst gar nicht wissen, wohin sie gerade gehen. Denen gar nicht bewusst ist, was sie für uns sind und wie sehr sie uns gerade verletzen. Wir sind Nebenfiguren, sie unsere Protagonisten. Ihr Handeln beeinflusst unser Leben so sehr, ohne, dass sie überhaupt eine Ahnung davon haben. Weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Wir sind nur der Kollateralschaden. Ob bewusst, oder unbewusst. 

Und irgendwann, dann ist die Person wieder verschwunden aus unserem Leben, genauso schnell, wie sie hereingekommen ist. Und wir? Wir sitzen auf der Couch mit der zweiten Flasche Wein und möchten es einfach nur verstehen. Wir denken, dass wir Antworten brauchen, um damit abschließen zu können. Dabei ist das, was wir zum Abschließen brauchen, etwas ganz anderes. Wir können mit einer Sache, die offensichtlich nicht funktioniert hat, dann abschließen, wenn wir uns unseren eigenen Wert bewusst machen. Uns bewusst machen, was wir brauchen und was wir verdienen. Wir müssen denjenigen, der gegangen ist, als das sehen, was er wirklich ist und nicht als das, was wir in ihm sehen wollten. Warum hat er sich so verhalten? Warum hat er das gesagt? Es spielt einfach keine Rolle, wahrscheinlich weiss er es selber nicht. Wer sagt denn, dass er sich überhaupt selbst kennt? Wir gehen davon aus, jemanden, der es geschafft hat, unser Herz zu berühren, zu kennen. Dabei können wir niemanden zu einhundert Prozent kennen. Würde es sich um jemanden handeln, der wüsste, warum er was tut, würden wir gerade nicht voller unbeantworteter Fragen auf unserem Sofa dahin vegetieren. Dann würden wir die Antwort nämlich kennen. Weil sie uns in nachvollziehbarer und stringenter Form mitgeteilt wurde. Wie es sich für einen Erwachsenen gehören würde. Dies ist aber nicht der Fall, weshalb uns nichts anderes übrig bleiben wird, den Abschluß in uns selbst zu finden. Und noch einem Glas Wein.

Aber was machen wir stattdessen? Wir fangen an, alles dafür zu tun, dass die Verbindung nicht ganz abbricht. Wir wehren uns gegen das Loslassen so stark wir nur können. Wir werden zu Meisterdetektiven in den sozialen Medien. Wir posten Bilder, nicht mehr für uns, noch nicht mal für irgendwelche Likes, sondern nur, für das Eine. Und meistens kommt das sogar, wenn wir lange genug den Clown auf Instagram & Co. gespielt haben. Aber leider, leider bedeutet das vielsagende Like dann nicht, dass er sich genauso nach uns verzehrt, wie wir nach ihm. Dass ihm endlich klar geworden ist, dass wir die letzte Cola in der Wüste sind, und er der größte Idiot auf der Welt war, uns hat gehen zu lassen. Nein. Es heißt gar nichts. In schlimmen Fällen ist es nur ein kleiner Test, um sicherzugehen, dass wir auch wirklich noch an ihm hängen. Eine kurze Bestätigung einholen, dass wir immer noch da sind und hoffentlich auch bloß nicht so schnell wieder gehen. Denn ein bisschen Bestätigung hier und da findet jeder gut. Genauso verhält es sich übrigens auch mit Nachrichten, die nachts um halb drei kommen oder Anrufen, bei denen nur mal gehört werden wollte, wie es so geht. Es ist Bullshit. Und reißt Wunden auf. Doch alles ist uns lieber als Loszulassen. Denn dann sind wir endgültig gescheitert. Schon wieder. 

Die Liebe kann alles rechtfertigen. Haben wir Gefühle für jemanden, hampeln wir wie Stevie Wonder auf der Bühne rum und wundern uns, warum wir das alles nicht kommen gesehen haben. Wir waren eigentlich von Beginn an nicht wir selbst, weil wir dieses Mal so gerne gefallen wollten. Weil es klappen musste. Wir haben uns für Dinge interessiert, die dem anderen gefallen und uns eigentlich absolut nicht. Das Zentrum unseres Lebens wurde verrückt, immer weiter nach außen haben wir unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse gerückt, bis sie irgendwann vom Tisch gefallen sind. Nun liegen sie immer noch da unten auf dem Boden und müssen erst mal wieder aufgewischt werden, bevor die Katze auch noch da durch latscht. 

Machen wir uns nichts vor. Herzschmerz tut scheiße weh. Oft wird es mit dem Gefühl verglichen, das man fühlt, wenn ein Mensch stirbt. Ohne anmaßend sein zu wollen: Es ist oft schlimmer. Denn stirbt ein Mensch, dann hat er dies in den meisten Fällen nicht gewollt und so nicht geplant. Das war nicht seine Entscheidung aus unserem Leben zu treten. Trennt sich jemand von uns oder kommt zu der Erkenntnis, uns nicht länger in seinem Leben haben zu wollen, dann ist dies sein freier Wille. Seine freie, bewusste Entscheidung. Er könnte mit uns gemeinsam durch das Leben gehen – er möchte es schlichtweg aber nicht. Und wo wir gerade schon so ehrlich sind: „Ich weiß nicht, was ich gerade will“ heißt übersetzt auch nichts anderes als: „Auf jeden Fall weiß ich, dass ich dich gerade nicht will.“. Traurig, aber wahr. 

Gefühle sind toll. Aber sie lassen uns viel zu oft zu gehirnamputierten Idoten werden. Wird das Herz berührt, dann öffnen wir uns. Egal, wie schnell. Wir machen uns angreifbar und verletzlich, vertrauen darauf, dass das nicht ausgenutzt wird. Weil wir in dem Anderen so viel sehen. Dabei müssen wir doch erst einmal abwarten, ob das, was wir sehen wirklich da ist oder nur eine kleine Reflektion des Potentials war, was wir uns diesmal so sehr wünschen würden.

Wir wünschen es uns so sehr, dass wir die Signale nicht verstehen wollen. Dabei ist es so einfach. Wenn jemand mit dir zusammen sein möchte, dann wird er alles dafür tun, dass es dazu kommt. Keine Spielchen. Kein noch etwas mehr Zeit. Keine Ausreden, kein schlechtes Timing. Sobald wir verwirrt darüber sind, wo wir bei jemanden stehen, ist das das Zeichen, dass wir nicht da stehen, wo wir sollten. Und dann ist es Zeit zu gehen – nicht, weil er offensichtlich nicht will. Sondern weil wir niemanden wollen, der sich nicht sicher ist, ob er uns in seinem Leben haben möchte. Die Theorie ist simpel. Die Praxis so schwer. 

Auch, wenn wir von der Generation Beziehungsunfähig sprechen – ich glaube gerade in diesen Zeiten wünschen sich die Menschen so sehr Beständigkeit, wie noch nie zu vor. Doch die Möglichkeiten sind so unbegrenzt wie noch nie, weshalb das alte Konzept der Partnersuche so ins Wanken geraten ist. Unsere Ziele im Leben unterscheiden sich stark von denen der vorherigen Generation. Ganz oben auf unserer Liste stehen Selbstverwirklichung und Freiheit, wo früher noch Familie und Sicherheit standen. Führt man sich das vor Augen ist es eigentlich gar kein Wunder, dass dieser Generation das Label Beziehungsunfähig aufgedrückt wird. Wir führen alle unseren eigenen Kampf und fuchteln so wild mit unseren Schwertern herum, dass wir andere, ohne es zu merken, verletzen. Manchmal sogar so stark, dass sie kaum mehr auf die Beine kommen. Weil sie vergessen haben, ihr Schild hochzuhalten. Sie waren schutzlos ausgeliefert. 

Nicht die anderen brechen unser Herz. Wir tun es selbst. 

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