Was verpassen wir wirklich?

Ich habe Angst, etwas zu verpassen. Nein, eigentlich habe ich keine Angst, etwas zu verpassen. Aber ich habe das Gefühl, etwas zu verpassen. Was genau, das kann ich nicht sagen. Das, worauf es ankommt. Das, was wichtig ist. Das, was man nicht verpassen darf.

Ich meine damit nicht irgendeine x-beliebige Party. Oder die neue gehypte Serie auf Netflix. Das, was ich verpasse, muss etwas essentielleres sein. Vielleicht verpasse ich es, zu leben?

Mein Leben ist normal. Es gibt einen Alltag. Ab und zu gibt es Anlässe, die mich für kurze Zeit aus dem Alltag herausholen. Etwas, auf das man sich freuen kann. Wenn das vorbei ist, schleicht sich das Gefühl des Verpassens aber leise wieder von hinten an und macht plötzlich ganz laut „Buh!“.

Die Möglichkeiten in der heutigen Zeit sind so unbegrenzt. Grenzenlos. Wo ist meine Grenze? Ich könnte morgen ins Flugzeug steigen. Aber wohin? Die Vielzahl der Möglichkeiten erschlägt mich. Oder ich steige nur ins Auto und fahre irgendwo hin. Aber wohin? Die Vielzahl der Möglichkeiten macht mich müde. Vielleicht probiere ich einfach mal etwas Neues aus. Aber was? Die Vielzahl der Möglichkeiten lässt mich erstarren. Also fliege und fahre ich lieber nirgendwo hin und mache vorsichtshalber auch nichts Neues. Denn vielleicht würde ich dann noch mehr verpassen. Woanders.

Das Gefühl kommt zu den unmöglichsten Momenten. Beim Geschirrabwaschen. Nach dem Aufwachen. Beim Schlafengehen. Beim Sport. Es gibt eigentlich keinen Bereich, in dem ich dem Gefühl noch Hausverbot erteilen kann. Das Gefühl ist nicht unerträglich, es ist eher wie ein kleiner Stein im Schuh, der auch nach dem Ausschütten irgendwie doch noch da ist. Langsam und stetig bohrt er sich in meinen Fuß. Und irgendwann wird aus dem unangenehmen Gefühl ein leichter Schmerz. Dann bildet sich eine Blase. Und ich kann nicht mehr laufen.

Ich will keine Entscheidung treffen. Denn sich für eine Sache zu entscheiden, bedeutet, eine andere Sache vielleicht zu verpassen. Außerdem weiß ich überhaupt nicht, wozu oder für was ich mich entscheiden will. Das Gefühl, mich überhaupt entscheiden zu müssen, weil „alles“ einfach zu viel wäre, macht mich fast genauso müde, wie das Gefühl, etwas zu verpassen. Generell scheine Gefühle mich müde zu machen. Ich will ins Bett. Und am besten erst einmal gar nicht mehr aufwachen. Doch dann verpasse ich so viel.

Egal, wie sehr ich die Stellschrauben meines Lebens drehe und wende, irgendwann klopft doch immer wieder das Gefühl des Alltags an. Und das reißt mich mit, allerdings nicht euphorisch mit Händen in der Luft, sondern träge und mit schlurfenden Füßen, die beim Gehen nervige Geräusche machen. Das Alltag-Gefühl kommt auch auf die Liste von Gefühlen, die ich nicht da haben will. Genau wie der Staub auf dem Handtuchhalter im Bad. Den will ich auch nicht, da ist er aber.

All‘ die Entscheidungen, die eigentlich zu treffen wären, um eine Richtung einzuschlagen. Sie winken von hier und von da, rufen laut: „Nimm mich.“, aber ich kann nur mit den Schultern zucken. Später vielleicht. Bestimmt passiert bald etwas, was es viel leichter machen wird, zu entscheiden. Etwas das mir, wie der Scheibenwischer im Auto, endlich klare Sicht beschwert. Aber mein Scheibenwischer im Auto ist kaputt und das abgewetzte Gummi zieht nur noch mehr Schlieren über die Scheibe.

All‘ die Möglichkeiten. Ein riesen Glück. Sie überfordern mich. Einen Weg zu gehen ist so viel einfacher, wenn es nur einen gibt. Gibt es zehn, dann stehen wir an der Kreuzung und trauen uns kaum, den ersten Schritt zu machen, weil wir befürchten, in die falsche Richtung zu gehen und dann den ganzen blöden Weg wieder zurücklaufen zu müssen. Das wäre doch ineffizent. Wir denken, wir müssen die richtige Entscheidung treffen. Direkt. Ohne Umwege ans Ziel.

Doch, ist das in der heutigen Zeit überhaupt noch möglich? Möglich bei den ganzen Möglichkeiten? Alles ist möglich! Aber wollen wir alles mögliche?

Eine Entscheidung zu treffen, birgt immer ein Risiko. Nämlich das Risko, die falsche Entscheidung zu treffen. Und ein Risiko einzugehen, bedeutet, dass Mut erforderlich ist. Mut, ein Risiko in Kauf zu nehmen. Mut, sich eventuell für das Falsche zu entscheiden und dies erst zu erkennen, wenn es zu spät ist. Aber zu spät für was?

Wir möchten so mutig sein. Und wir möchten auf keinen Fall etwas verpassen, vor allem nicht das Wichtige. Aber vielleicht ist das Wichtige ja genau das: Mut haben, überhaupt Entscheidungen zu treffen. Oder den Mut, eben keine zu treffen. Wir merken eventuell überhaupt nicht, vor lauter Gefühlen von Verpassen und dem Treffen von Entscheidungen, dass wir gerade mittendrin sind.

Mittendrin in dem, was zählt. Weil wir uns gerade damit beschäftigen, zu suchen, was wir auf keinen Fall verpassen wollen. Und wenn wir wirklich suchen, dann finden wir das bestimmt auch. Wahrscheinlich genau dann, wenn wir gerade eine kleiner Erholungspause von der stetigen Suche einlegen. Vielleicht blicken wir irgendwann einfach auf den kleinen Moment des Mutes zurück und sind froh, dass wir ihn nicht verpasst haben. Den Moment, in dem wir mutig waren. 

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